Zur Hölle mit den anderen
Wenn wir nicht dazugehören, gerade als Teenager und junge Erwachsene, dann schlägt uns das eine ordentliche Entwicklungsdelle in die Stufe 4. Unser ganzes ICH kann sich ungesund verformen. Wir wollen mal ein wenig draufschauen, was eine solche 4er-Delle auslösen kann.
Die Delle
Stufe 4 beginnt in der Schulzeit und begleitet uns viele Jahre. Hier wollen wir unbedingt wo dazugehören, was außerhalb unserer Familie ist. Wir brauchen Freunde, im Idealfall einen Freundeskreis. Im allerbesten Fall gehören wir wo dazu, was wir toll finden. Ansonsten finden wir einfach toll, wo wir dazugehören.
Werden wir ausgestoßen, gemobbt und wird uns das Gefühl wieder und wieder vermittelt, dass wir nicht dazugehören, dass wir „nicht gut genug“ dafür sind, dann schmerzt das. Es schmerzt im Kern unseres Wesens. Wir können das nicht damit vergleichen, wie es sich in Stufe 3 anfühlt, wo uns andere eher egal sind, solange wir unsere Impulse ausleben können – oder in Stufe 5, wo andere Menschen oft mehr Mittel zum Zweck sind und das Vorankommen im Leben im Zentrum steht.
In Stufe 4 ist das „ausgegrenzt“ werden, ein Messer, das das Herz unserer Entwicklung trifft. Schön kompakt dargestellt ist die Stufe 4 auch in diesem Text auf Basis von Jane Loevinger und im Wiki-Beitrag zur ICH-Entwicklung.
Die Kompensation
„Die können mir gestohlen bleiben!“
Diese Trotzreaktion negiert die Bedeutung der Menschen für uns. Gerade für jene, die eigentlich eine starke Beziehungsmotivation haben, ist eine E4-Delle brutal. Fehlende resonante Beziehungen können emotional und empathisch verarmen lassen. Das führt sehr oft zu chronischer Einsamkeit, weil unser Verhalten zynisch, isoliert und abwehrend wird und emotionaler Abflachung, also dem Phänomen, dass wir tatsächlich weniger bzw. weniger intensiv fühlen.
Schön beschrieben auch hier: Psychology Today – The Paradox of Exclusion
„Denen werde ich es beweisen!“
Diese Trotzreaktion bewirkte schon oft bei Menschen eine ungeheure Motivation, spezielle bei hoch-leistungsmotivierten Menschen. Sie leiten alle Energie in Kompetenzaufbau und Erfolge, um so die Aufmerksamkeit der anderen zu bekommen – aber auch um sich über diese zu stellen. Diese Form führt leider oft zu erhöhter Burn-out-Gefahr, narzisstischer Überidentifikation mit Leistung und einer einseitigen Identitätsbildung über ebenjene. Siehe auch APA PsycNet – The narcissism–overclaiming link revisited
„Denen werde ich es zeigen!“
Die Trotzreaktion verstärkt die Machtmotivation und dieser Teil von uns versucht immer mehr über andere zu bestimmen, sie auszutricksten, ihnen auch Schlechtes anzutun – um uns zu zeigen, dass sie nicht über uns bestimmen, sondern wir über sie. Dies führt oft zu störendem Dominanzbedürfnis, fehlender sozialer Integrationsfähigkeit, häufigere Beziehungskonflikte, Kontrollsucht und „moralische Desorientierung“ (z.B. innere Rechtfertigung für verletzende, manipulative Handlungen). Auch beschrieben unter Wikipedia – Social Dominance Theory
Fazit
Diese kondensierte Form zeigt, dass unser ICH immer wächst. Aber oftmals Verformungen hinnimmt, wie ein Baum, der um einen Stein herumwachsen muss. Diese Verformungen können ein Leben lang in uns wirken – und tun das meist auch. Das kann zu besonderen Fähigkeiten führen, ebenso wie zu massiven psycho-emotionalen Schäden.
Mit einem sauberen Blick und einem tiefen Verständnis dafür, können wir für uns selbst und mit anderen besser damit umgehen, weil wir es verstehen und sogar wieder „ausbiegen“ können.
Blicken wir ehrlich auf uns selbst, erkennen und spüren wir, welche dieser Dellen in uns wirksam sind oder waren. So ein Blick ist der erste Schritte, wenn wir die Dellen loswerden wollen, um uns zu unserem vollen, runden ICH zu entwickeln.