Was unser ICH mit Macht macht!

Veröffentlicht am 24. Oktober 2026 um 20:05

Wir können nicht über uns selbst hinaus denken oder erschaffen.
Kann ich nicht lesen, ergeben diese Zeichen (Buchstaben) für mich keinen Sinn.

Wir können Dinge in der Welt sehen, aber sie nicht verstehen.
Das, was wir nicht verstehen, irritiert, verunsichert und frustriert uns.
Deswegen versuchen wir unsere Umgebung so zu ordnen, dass sie das nicht tut.
Wir können nicht von einer höheren Ordnung, Komplexität erschaffen, als in uns ist.

Diese einfache Logik ist der Grund, warum wir Teams, Abteilungen, Organisationen und Gesellschaften so führen und formen, wie es unserer inneren Logik entspricht.

Unser Gedankenexperiment als Reife-Reise der Macht!

Wohin formen extrem machtfokussierte Menschen Gesellschaften, wenn Sie die Chance dafür bekommen, wenn sie auf verschiedenen Stufen der ICH-Entwicklung sehen. Im realen Leben sind wir kaum wirklich nur auf einer Stufe. Doch es ist immer eine prägend und quasi dominant. Für unser Experiment nehmen wir an, wir haben Personen, die rein aus einer Stufe heraus agieren: Was mache ich mit Macht?
Als Idee. Wir geben jemandem die Gelegenheit eine Gesellschaft zu gestalten.
Wie würden verschiedene ICH-Reifegrade diese Gelegenheit formen?

E3: Macht als unmittelbare Durchsetzung

Eine E3-Persönlichkeit denkt in Sieg & Niederlage, Gewinner & Verlierer, Schwarz & Weiß, Gut & Böse. Sie denkt maximal 1 bis 2 Schritte in die Zukunft. Sie denkt in Macht- und Beeinflussungsstruktur. Regeln haben keine Bedeutung, solange man sie nicht zum eigenen Vorteil nutzen kann. Kompetenz widerstrebt ihr – sie ist zu komplex, zu unbequem und macht langsam. E3 nutzt das, was andere aufgebaut haben, bestmöglich für sich selbst. E3 baut aber selbst keine tragenden Systeme, sondern einfache, gehorsame Gefolgslinien.

E4: Macht als Durchsetzung der eigenen Ordnung

Eine E4-Persönlichkeit denkt in WIR vs. Die Anderen. Sie glaubt an die Überlegenheit der eigenen … (wähle aus: Rasse, Religion, Nationalität, etc.) und wertet alles außerhalb der eigenen Bezugsgruppe ab. Sie optimiert für die eigene Gruppe. Sie schafft Identität und Zugehörigkeit in der Gruppe – durch Ansprachen, Dogmen und klarer Abgrenzung zu „Den Anderen“. Sie formt den Glauben an die Überlegenheit der eigenen Gruppe in moralischer Hinsicht und deshalb sind alle Handlungen gerechtfertigt. Loyalität ist an oberster Stelle. Kompetenz ist geduldet, solange es linientreu ist und dem Erfolg der Glaubensgemeinschaft dient. Komplexität wird abgelehnt und komplexe Geister ausgestoßen, da diese einfache Glaubenskonzepte nicht aushalten.

E5: Macht als strategisch beherrschtes System

Eine E5-Persönlichkeit denkt auf langfristigen Eigennutz hin. Sie hält sich für persönlich überlegen, schlauer und kompetenter als alle anderen. Sie baut sich strategisch Macht über die wichtigsten Positionen auf. Sie lernt die Schwächen und Stärken der Leute kennen und nutzt Ersteres, um sich Zweiteres zu Nutze zu machen. E5 schätzt Kompetenz sehr, jedoch nur soweit sie diese kontrollieren kann. Sie baut ein System aus Verlockung und Drohung auf, um Macht zu erhalten. Sie verspricht Loyalität und nutzt Naivität und Schwäche kalkuliert aus. E5 kennt praktisch keine Loyalität gegenüber anderen. E5 ist der Schachmeister der Macht. Er schiebt Figuren und vernichtet Figuren. Menschliches Leid wird als Waffe benutzt – ohne Mitgefühl zu empfinden, da dieses Schwäche wäre. E5 gibt sich stark, unbesiegbar – lebt mit einer permanenten Angst alles zu verlieren und kanalisiert diese Angst in maximale Absicherung. Schwächung und Vernichtung interner Konkurrenz. Was in die totale persönliche Isolation führt.

E6: Macht als Verantwortung für das Gute

E6 strebt eine werteorientierte Form der Ko-Existenz an, in der niemand auf Kosten der anderen agiert. Sie will ein System schaffen, das sinnvoll agiert, langfristig und stabil möglichst vielen gut dient und wo jeder sich in diesem Sinn einbringen kann. E6 denkt nicht in Angriff und reduziert deswegen Verteidigungsdenken – entsprechend auch die dazu nötigen Strukturen und Kompetenzen – macht sich dadurch eher angreifbar. Ihr Fokus ist Wohlstand, Gesundheit und systemische Harmonie für möglichst alle im System. E6 denkt nicht mehr nur an sich selbst, sondern an ein gutes Miteinander. Es schätzt Kompetenz sehr, jedoch mit dem Rahmen, dass diese nicht die Werte und Gesundheit des Systems schädigt. Sie strebt nicht mehr für sich selbst nach Macht, jedoch kann es dazu führen, dass sie ihre Werte vehement und unnachgiebig verteidigt. E6 übernimmt Verantwortung und hilft, teilweise so viel, dass sie übersieht, dass sie selbst geschädigt und geschwächt wird. Sie will in gute, gemeinsame Verbindung und gemeinsam eine bessere Zukunft schaffen. Sie will allen Freiheit und Möglichkeit einräumen und kämpft um die Auswirkung dessen für das System. E6 will im Wie nichts falsch machen und kann gerade dadurch zu spät erkennen, dass auch Nichthandeln, Beschönigen oder das Vermeiden notwendiger Härte Folgen für das Ganze hat. Es besteht die Gefahr die Harmonie im Heute zu schützen und damit notwendige, unangenehme Entscheidungen zu vermeiden – sodass das System schwächer und angreifbarer wird.

E7: Macht als Gestaltungsproblem des Systems selbst

E7 versucht nicht primär, selbst Macht zu besitzen oder ihre eigenen Werte durchzusetzen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Macht produktiv begrenzt, verteilt und korrigiert werden kann. Sie denkt langfristig und systemisch, erkennt Wechselwirkungen, Nebenfolgen und Widersprüche und weiß, dass auch die eigene Perspektive begrenzt ist. Sie akzeptiert kurzfristige Schmerzen im System, wenn es notwendig ist und kann deswegen „härtere“ Entscheidungen treffen, als E6 es könnte.

E7 schätzt Kompetenz hoch und muss sie nicht mehr per se kontrollieren. Sie versucht Menschen und Strukturen zu schaffen, die ihr widersprechen können. Sie baut Systeme, die nicht davon abhängig sind, dass an ihrer Spitze dauerhaft der richtige Mensch sitzt oder dessen Meinung das System prägt. Das System soll zunehmend fähiger werden, sich selbst weiterzuentwickeln und zu korrigieren. E7 achtet eher darauf, dass an den wichtigen, einflussreichen, neuralgischen Positionen Menschen sitzen, die in Kompetenz, sozialer Fähigkeit und Reife der Verantwortung und Komplexität der Position gerecht werden.

E7 weiß auch, dass Frieden Verteidigungsfähigkeit braucht, Freiheit Grenzen und Vertrauen Kontrolle – und balanciert dies aus, mit dem Verständnis, dass es keine absolute Balance gibt, sondern diese laufend gefunden werden muss. Sie kann Macht einsetzen, ohne Macht selbst zum Sinn oder Ziel für sich zu machen. Sie kann hart handeln, ohne den Gegner entmenschlichen zu müssen. Sie kann Interessen vertreten, ohne sie für moralisch überlegen zu halten.

Während E6 danach fragt: „Wie schaffen wir eine gute Welt für alle?“,
fragt E7 zusätzlich: „Welche Strukturen brauchen wir, damit dieses Gute auch dann noch funktioniert, wenn Menschen eigennützig, irrational oder destruktiv handeln?“

Die größte Gefahr von E7 liegt möglicherweise gerade in ihrer Komplexität. Sie kann so viele Perspektiven, Wechselwirkungen und mögliche Folgen erkennen, dass Entschlossenheit schwieriger wird. Und sie kann Systeme entwerfen, die intellektuell brillant sind, aber von Menschen mit einfacheren ICH-Logiken nicht verstanden, getragen oder akzeptiert werden. Besondere Aufmerksamkeit bräuchte deshalb die Förderung von Entwicklungsräumen im Staat und noch stärker die Qualität der Kommunikation, um Entscheidungen und deren Hintergründe so aufzulösen, dass sie der inneren Möglichkeiten der Menschen entsprechen, um Resonanz und gemeinsames Verständnis bestmöglich zu unterstützen.

E7 baut deshalb nicht die perfekte Ordnung. Sie baut eine Ordnung, die mit ihrer eigenen Unvollkommenheit umgehen kann.

Mit E8 verändert sich etwas Grundsätzlicheres. Nicht nur der Umgang mit Macht, sondern die Beziehung zur Macht selbst. Das möchte ich an dieser Stelle offenlassen und ein anderes Mal weiterdenken.

Was geschieht, wenn gesellschaftliche Reife nicht mehr nur die Ausübung von Macht verändert, sondern unsere Vorstellung davon, was Macht überhaupt ist und wozu sie berechtigt?

Doch dies ist so grundlegend anders. Das ist ein Thema für einen anderen Tag.