Die Midlife-Crisis ist vielleicht gar keine Krise. Vielleicht bist du deinem alten ICH entwachsen.
Du hast erreicht, was du erreichen wolltest.
Einen Beruf. Vielleicht Karriere. Familie. Haus. Anerkennung. Sicherheit. Du hast gelernt, dich durchzusetzen, Dinge durchzuziehen, Schwierigkeiten zu überwinden. Vielleicht hast du dir ein Leben aufgebaut, auf das du eigentlich stolz sein könntest.
Und plötzlich stellst du eine irritierende Frage:
War es das?
Die Arbeit, die dich früher angetrieben hat, macht zunehmend weniger Freude. Der nächste Erfolg gibt dir nicht mehr denselben Kick. Das neue Auto fühlt sich erstaunlich schnell einfach nur noch wie ein Auto an. Die Gespräche darüber, wo man toll auf Urlaub war, welche wichtigen Leute man kennt, welche Autos, Immobilien oder Fähigkeiten man hat, beginnen dich anzuöden. Vielleicht sogar zu nerven.
Die Welt fühlt sich merkwürdig falsch an – irgendwie leer oder gar schlecht und dumm.
Und jetzt passiert etwas Entscheidendes: Wir glauben, dass mit unserem Leben etwas nicht mehr stimmt oder dass in uns etwas „falsch läuft“.
Vielleicht stimmt das gar nicht.
Vielleicht ist es nicht dein Leben, das nicht mehr zu dir passt.
Vielleicht passt die innere Logik, mit der du dieses Leben aufgebaut hast, nicht mehr zu dem Menschen, der du inzwischen geworden bist.
Manches, was wir umgangssprachlich als Midlife-Crisis bezeichnen, lässt sich aus Sicht der ICH-Entwicklung noch anders lesen: als möglicher Übergang zwischen zwei Reifestufen.
Als Zeichen dafür, dass wir weitergewachsen sind.
Warum uns das überhaupt passieren kann
In Stufe 5 der ICH-Entwicklung definieren wir uns stark über unser Vorankommen im Leben.
Wir streben danach, Ziele zu erreichen, Dinge zu besitzen, nach Status, Kompetenz und/oder Macht. Hier bauen wir unser kraftvolles, kompetentes ICH auf.
Wir sind getrieben davon, besser zu werden und mehr zu erreichen. Wir überwinden Widerstände und stehen wieder auf, wenn wir niedergeschlagen wurden. Wir wollen besser sein als andere und vergleichen uns entsprechend viel. Neid und Missgunst sind deswegen Gefühle, die hier mächtig werden können.
Geben wir das offen zu?
Meistens nicht – oder ganz und gar nicht.
Das würde immerhin sichtbar machen, dass uns die Meinung anderer über uns wichtig ist. Es könnte uns schwach erscheinen lassen. Und Schwäche zeigen wir in E5 nicht gerne. Wir definieren unsere Identität schließlich über Erfolg, Stärke und Status.
Die Meinung anderer werten wir leichter ab, wenn sie uns kritisiert oder nicht gefällt. Auch das schützt unser Ego. Auf die Lebensweise anderer blicken wir mitunter hinab, wenn sie nicht unserer entspricht. Menschen, die in dem Bereich hervorragen, in dem wir uns profilieren, egal ob Business, Kunst, Sozialbereich, Technik oder etwas völlig anderes, finden wir toll.
Und insgeheim würden wir sie trotzdem gerne übertreffen.
Gegenüber Menschen, die unser Vorankommen begünstigen könnten, sind wir möglicherweise besonders charmant und hilfsbereit, weil wir uns etwas von ihnen versprechen. Wir denken stärker in der Nützlichkeit von Menschen und unserem Handeln.
Mit den richtigen Leuten gesehen und assoziiert zu werden, schmeichelt uns. Es fühlt sich gut an. Glauben andere, dass wir mächtige oder wichtige Leute kennen, hebt das unseren Status.
So funktioniert E5.
Das kann man weichzeichnen.
Aber warum sollten wir?
Diese Logik ist nicht böse.
Sie ist auf Kompetenzwachstum, Selbstbehauptung und den Aufbau unseres Lebens ausgerichtet. Sie rüstet uns mit Fähigkeiten, Ressourcen und Erfahrungen aus, die wir brauchen.
Genau darin liegt ihre enorme Stärke.
Ohne diese Kraft gäbe es vieles nicht, was wir selbstverständlich brauchen: Menschen, die jahrelang lernen, trainieren und üben. Menschen, die Verantwortung übernehmen, Unternehmen aufbauen, Projekte durchziehen, Fachkompetenz erwerben oder selbst nach schweren Rückschlägen nicht aufgeben.
Große Leistungen benötigen Durchhaltevermögen und Widerstandsfähigkeit. Und ja: manchmal auch eine gehörige Portion Sturheit und Ellenbogen.
E5 baut etwas auf.
Nicht selten ein ganzes Leben.
Zufriedenheit ist nicht die Aufgabe von E5
Sind wir in E5 zufrieden?
Nun, Zufriedenheit ist nicht unbedingt ihre Aufgabe und sicher nicht ihre Stärke.
Sie soll uns vielmehr antreiben zu wachsen und Kompetenz und Potenz anzuhäufen.
Da wir dadurch motiviert werden, was wir erreichen wollen, schätzen wir jedoch leichter weniger, was wir schon haben. Unser Fokus liegt auf dem, was wir noch nicht haben.
Das, was wir haben, haben wir ja schon.
Damit verschwindet es leichter aus unserem Fokus.
Das kann Partner, Kinder und Freunde genauso betreffen wie das Materielle in unserem Leben. Oft erkennen wir den Wert dessen, was wir bereits haben erst dann, wenn wir drohen, es zu verlieren oder es bereits verloren haben.
Stufe 5 fühlt sich gerade in ihren kraftvollen Phasen durchaus richtig gut an.
Vor allem, wenn wir vorankommen.
Wir spüren unsere Power beim Lernen, bei bestandenen Prüfungen, beim Abschluss von Projekten oder Geschäften, beim Feiern, in exklusiven Umgebungen, beim Sport, beim beruflichen Aufstieg, im Sammeln von Anerkennung.
Was wir als „Vorankommen“ einsortieren, fühlt sich großartig an.
Und manchmal halten wir uns dabei selbst auch für ziemlich großartig.
Wir tun einiges, um diesen Kick zu bekommen. Wir gehen die Extrameile. Und manchmal drücken wir ein Auge zu, wenn Ziele und Werte miteinander in Konflikt geraten.
Wir erzählen uns dann: „Andere hätten noch weniger Skrupel. Andere würden nicht einmal zögern.“ Oder wir belügen uns mit erstaunlicher Aufrichtigkeit damit, dass wir das später irgendwann wieder ausgleichen und „gut machen“.
Den Kampf Werte gegen Ziele gewinnen in E5 keineswegs immer die Werte.
Vor allem dann nicht, wenn wir halbwegs sicher sind, dass niemand etwas davon erfahren wird.
Auch das gehört zur Wahrheit über diese Stufe.
Nicht weil wir in E5 schlechte Menschen wären.
Sondern weil diese innere Logik stark auf Zielerreichung, Wirksamkeit, Selbstbehauptung und Vorankommen ausgerichtet ist.
Und irgendwann kann genau diese großartige Fähigkeit zu einem Problem werden.
Das Ende von E5 und die Midlife-Crisis
Irgendwann kann etwas Merkwürdiges passieren.
Wir haben Jahrzehnte weitgehend innerhalb dieser Logik gelebt. Wir haben damit unser Leben aufgebaut, unsere Familie, unsere Kompetenzen und unser Vermögen, materiell wie immateriell.
Früher war „mehr“ unser Gott.
Mehr Geld. Mehr Macht. Mehr Kompetenz. Mehr Anerkennung. Mehr Erfolg.
Dieser Gott ist aber scheinbar nicht mehr da.
Wir opfern ihm weiterhin unser Leben, doch es fühlt sich zunehmend leer und bedeutungslos an.
Die Siege und das Vorankommen in Beruf und Leben geben uns nicht mehr denselben Kick. Die endlosen Gespräche darüber, wo man toll auf Urlaub war, wen die Leute kennen, welche Autos, Immobilien oder Fähigkeiten sie haben, beginnen uns anzuöden.
Mein Auto. Mein Haus. Meine Yacht.
Das war einmal Treibstoff.
Jetzt brennt er nicht mehr richtig.
Die Arbeit macht zunehmend weniger Freude, vielleicht wird sie sogar zur Qual. Die Welt fühlt sich falsch an. Wir werden unzufriedener, rastloser und wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Das kann uns frustrieren und sogar bitter, reizbar machen – oder uns verzweifeln lassen. Manchmal kommt das alles zusammen, ein Blumenstrauß aus negativen inneren Zuständen, eine Potpourri der Qual.
Und was tun wir?
Natürlich das, was bisher funktioniert hat.
Wir versuchen es noch einmal mit E5.
Wir kaufen uns besonders tolle Dinge. Wir starten ein neues Projekt. Wir setzen uns ein größeres Ziel. Oder wir verändern Dinge in unserem Leben: Partner, Beziehung, Wohnort, Job, Auto, Hobby.
Wir verändern das Außen.
Vielleicht müssen manche dieser Dinge tatsächlich verändert werden.
Aber möglicherweise liegt das eigentliche Problem woanders.
Vielleicht ist es gar nicht die Welt, die nicht mehr trägt.
Vielleicht ist unsere innere Struktur weitergewachsen und passt nicht mehr zu der Weise, wie wir bisher gelebt, gedacht und bewertet haben.
Das ist schwer wahrzunehmen.
Wir waren schließlich jahrelang daran gewöhnt, so zu handeln, zu bewerten und zu denken.
Entwicklung geschieht aber nicht mit einem Knall.
Sie geschieht langsam.
Es ist ein wenig wie ein junges Wäldchen neben unserem Haus. Über Jahre wächst es kontinuierlich, aber so langsam, dass wir es im Alltag kaum wahrnehmen. Irgendwann schauen wir bewusst hin und denken:
„Irre, wie groß das schon alles ist.“
Vielleicht ist das, was wir Midlife-Crisis nennen, manchmal genau dieser Moment.
Du bemerkst plötzlich, dass dein ICH gewachsen ist.
Und was kommt danach?
Genau hier wird es interessant.
Denn wenn sich unser ICH weiterentwickelt, verlieren wir nicht automatisch das, was wir uns zuvor aufgebaut haben.
Die Kraft von E5 muss nicht verschwinden.
Kompetenz muss nicht verschwinden. Ehrgeiz nicht. Leistung nicht. Durchsetzungskraft nicht. Erfolg nicht.
Sie können in etwas Größeres integriert werden.
Der Unterschied ist entscheidend:
Erfolg verschwindet nicht. Er verliert seine Monopolstellung – und formt sich um.
Andere Fragen werden wichtiger.
Was ist mir eigentlich wichtig?
Neben dem WAS ich erreichen, wird das WIE ich es erreiche, viel wichtiger.
Was ist mir heute wichtig und was auch nicht mehr?
Welche Menschen sind mir wichtig, auch wenn sie mir überhaupt nichts „bringen“?
Was möchte ich erhalten, statt immer nur vermehren?
Welche Auswirkungen hat mein Handeln auf andere?
Welche Werte möchte ich auch dann nicht verkaufen, wenn mir niemand dabei zusieht?
Und welche Teile meines Lebens beruhen eigentlich auf Vorstellungen davon, wer ich sein sollte, die für mich längst nicht mehr stimmen?
Die nächste Reifestufe gibt darauf nicht automatisch Antworten.
Aber sie ermöglicht uns, andere Fragen zu stellen.
Das ist der eigentliche Wandel. Denn in den nächsten Jahren, werden wir Antworten auf diese Fragen suchen, in Gesprächen mit tollen Menschen, denen wir uns nun anders öffnen können. Wir finden Antworten in Büchern und Filmen, die wir bereits kannten, aber die wir nun ganz anders sehen und verstehen.
E6 bedeutet deshalb nicht, dass wir plötzlich bessere Menschen sind. Und schon gar nicht, dass unser Leben ab diesem Moment spielerisch leicht wird.
Aber unsere Vorstellung davon, was ein gutes Leben überhaupt ausmacht, kann größer werden. Wir schätzen mehr das, was schon ist – ohne den Antrieb zu verlieren, Weiteres zu erreichen. Wir bewerten die Dinge im Leben anders und erkennen damit unmittelbar, dass unsere bisherige Bewertung nicht die einzig wahre ist. Damit hören wir anderen mehr zu, weil wir neugierig werden, wie man das Leben noch sehen kann. Es geht nicht mehr darum immer „recht zu haben“. Wir lernen, weil mehrere Perspektiven spannende Ideen bieten und reichern unser ICH mit ihnen an.
Die Krise ist dann nicht das Ende der Entwicklung
Der zentrale Punkt ist:
Wir sind nicht automatisch falsch oder schwach, wenn unser altes ICH nicht mehr trägt.
Vielleicht sind wir einfach bereit weiterzugehen.
Früher hatten wir kaum eine Vorstellung davon, wie das eigentlich gehen soll oder wohin wir überhaupt gehen, wenn die bisherige Logik unseres Lebens ausgedient hat.
Also interpretierten wir das Gefühl schnell als Krise.
Heute können wir auch eine andere Frage stellen:
Was, wenn dieses Unbehagen nicht nur zeigt, dass etwas mit meinem Leben nicht stimmt, sondern dass sich in mir etwas weiterentwickelt hat?
Natürlich bedeutet das nicht, dass jede anhaltende Leere, Erschöpfung oder Verzweiflung ein Entwicklungsübergang ist. Psychische Erkrankungen werden nicht dadurch weniger real, dass es ICH-Entwicklung gibt. Depressionen gehören ernst genommen und professionell abgeklärt.
Aber wir sollten auch nicht jede innere Unruhe sofort als Defekt betrachten.
Zweifel, Ängste, Frustration und Unzufriedenheit können wichtige Richtungsweiser sein.
Wären sie vollständig weg, wären wir oft blind für unser eigenes ICH, das primär über Emotionen zu uns spricht.
Doch wenn wir nicht lernen, diese Emotionen zu lesen, bleiben sie tatsächlich nur das:
ein schlechtes Gefühl.
Vielleicht bist du einfach herausgewachsen
Vielleicht hilft am Ende ein sehr einfaches Bild.
Wenn Kinder aus ihren Kleidern herauswachsen, geben wir nicht ihrem Körper die Schuld.
Wir sagen nicht:
„Mit diesem Kind stimmt etwas nicht. Die Hose passt nicht mehr.“
Wir verstehen sofort, was passiert ist.
Das Kind ist gewachsen.
Die Hose war nicht schlecht. Im Gegenteil. Sie hat lange hervorragend gepasst.
Aber jetzt ist sie zu klein.
Sie reibt. Sie spannt. Sie schnürt ein. Und wir kämen niemals auf die Idee, das Kind wieder kleiner machen zu wollen, damit es erneut hineinpasst.
Wir besorgen größere Kleidung.
Vielleicht sollten wir manche Krisen unseres Erwachsenenlebens genauso betrachten.
Dein altes ICH war nicht falsch.
Es hat dich gestärkt, geschützt und hierhergebracht.
Es hat dir geholfen, etwas aufzubauen, Kompetenzen zu entwickeln, dich durchzusetzen und deinen Platz in der Welt zu finden.
Aber vielleicht passt es dir irgendwann nicht mehr.
Nicht alles, was plötzlich nicht mehr passt, ist kaputt.
Manchmal sind wir ihm einfach entwachsen.